Kinderzeit


© Janet Lindemann-Eppinger

Ein neues Leben


21 Uhr. Emma schläft. Rechner an, um die Mails zu checken. Schlafen. Nach sechs Monaten mit Baby erinnere ich mich nur ganz schwach daran, wie es ist, ausgeschlafen zu sein. Seit sechs Monaten sind Tag und Nacht ausgefüllt mit Windeln wechseln, stillen, Breichen kochen, Schnuller suchen und Zahnfleisch massieren. Und am Ende eines Tages fühle ich mich ausgepowert wie nach einer Urlaubs-Lotsen-Produktion im Sommer. Ja, Muttersein ist einer der härtesten Berufe der Welt. Ein Baby lässt sich nicht einfach ausschalten wie ein Rechner. Oder in die Ecke legen wie ein Notizblock. Muttersein ist ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche, ohne Urlaubsanspruch. Unser Eingang ist inzwischen zugeparkt von Kinderwagen und Sportkarre und auch von meinem Bett gehört mir nur noch die Kante. Doch wenn mich Emma morgens freudig mit einem Engelslächeln anstrahlt, kommt dies einer Honorarabrechnung gleich. Seit Silvester 2004 weiß ich, dass wir den Jahreswechsel künftig zu dritt feiern werden. Nur zu gut erinnere ich mich noch an die letzten Schwangerschaftsmonate. Bis zum Geburtstermin im September wollte ich arbeiten. Und dann? Der Bauch wurde schon nach wenigen Wochen Kugelzeit so dick, dass ich auf der Fähre nach Hiddensee erklären musste, dass er uns getrost mitnehmen könne, da wir den Entbindungstermin erst in vier Monaten hätten. Eimerweise kaltes Wasser schleppten meine Arbeitskollegen im OZ-Verlagshaus an den Schreibtisch, damit ich meine geschwollenen Beine kühlen konnte. Nein, Mitte Juli war Schluss. Ich konnte weder lange sitzen, noch stehen. Der Abstand zwischen Lenkrad und Autositz war inzwischen so groß, dass ich das Gaspedal mit meinen Füßen nicht mehr berühren konnte. Ich war froh, dass ich mich zurücklegen und so noch etwas die Baby-freie Zeit genießen durfte. Nach sechs Wochen Mutter-Glück dann der erste Anruf, der mich an mein altes Leben erinnerte. Der Redakteur eines Urlaubermagazins sprach von zwei, drei neuen Projekten und ob ich Interesse hätte. „Natürlich“, versicherte ich ihm. Ob ich wieder anfangen würde, jetzt, wo das Baby da ist, wollte er wissen. Im Moment sei es mir noch etwas früh, erwiderte ich, aber spätestens im Sommer. Mit den besten Wünschen für die weitere Familienplanung und einem knappen Tschüs verabschiedete er sich. Ja, spätestens im Sommer, dann würde ich wieder richtig loslegen. 00.47 Uhr. Emma schläft wieder. Nachdem ich ihr einmal die Brust und dann den Schnuller in den Mund geschoben habe. Nach einem Blick auf die Uhr rechne ich nach, wie viele Stunden Schlaf ich wohl bis zur nächsten Nachtmahlzeit haben werde.

Erschienen im DJV-Landesverbandsjournal KIEK AN 2006!

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